
Vier »Fortysomethings« im freien Fall
Uraufführung von »Ohne Netz« im TiL –24-jährige Anne Rabe rechnet mit de Generation jenseits der 40 ab
»What a perfect day« singt Lou Reed, als sich Karla und Peter in den Armen liegen. Doch das, was die beiden mit ihren jeweiligen Ehepartnern im gemeinsamen Urlaub erleben, ist alles andere als vollkommen. Gleich am ersten Tag zeigt sich die hässliche Fratze der Lügen, Affären, emotionalen und finanziellen Abhängigkeiten, die die vier Menschen seit Studienzeiten aneinanderketten und die Anne Rabe in ihrem Stück »Ohne Netz« in knapp 80 Minuten schonungslos entlarvt. Das Stück wurde am Samstag in Anwesenheit der jungen Autorin im Theaterstudio im Löbershof uraufgeführt. Regie führte Ragna Kirck. Das Bühnenbild hatte Udo Herbster kreiert. Die Ehepaare mit Sinnkrise spielten Roman Kurtz (Peter), Kyra Lippler (Karla), Rainer Hustedt (Johann) und als Gast Lena Sabine Berg (Silvia). »Ohne Netz« sind die vier »Fortysomethings « gleich im doppelten Sinne. Nicht nur das fehlende Telefonnetz, das die Suche nach den heranwachsenden Kindern Fanny und Florian erschwert, bereitet Probleme, sondern auch der freie emotionale Fall, den die Erwachsenen erleben: Die eine ist eine »notgeile Alkoholikerin«, die andere eine frustierte »Hausfrau ohne Uterus«, der eine ein verbeamteter Blender, der andere ein frisch entlassener Angestellter. Aus den scheinbar gut situierten Bürgern werden am Ende vom Leben überforderte Wesen ohne Rückgrat. Einen Halt im Leben finden ihre Kinder an diesen Eltern ganz gewiss nicht. Die erst 24-jährige Anne Rabe hat sich in ihrem Stück die Lebenskrise der Generation Ü40 vorgenommen. In zwölf Einzelbildern bröckelt die Fassade der Hauptfiguren immer mehr. Da wird – »Wer hat Angst vor Virginia Woolf« und »Die Katze auf dem heißen Blechdach« lassen grüßen – gestritten, betrogen und gelästert, was das Zeug hält. Immer wieder schockieren schaurig-makabre Scherze, die die Lieblosigkeit der Eltern entlarven. Sätze wie »Wir haben dafür gesorgt, dass die Kinder da sind. Damit haben wir genug falsch gemacht. Nun gilt es, den Schaden zu begrenzen« sind ihre Bankrotterklärungen. Rabes Sprache ist präzise, das Tempo rasant und das Ende des Stücks ein wenig befriedigendes Rätsel. Beachtlich, wie klar die erst am Anfang des Erwachsenseins stehende Autorin die Schwächen der Älteren seziert. Man spürt die Verachtung, mit der die 24-Jährige die Auswüchse der eben nicht Mitten-im-Leben-Stehenden beobachtet. Ragna Kirck hat eng am Text inszeniert, wie es einer Uraufführung angemessen ist. Musikalische Einspielungen – etwa die »Raffaello «-Werbemelodie als Entree in das angebliche Urlaubsparadies oder auch das Finale mit Tocotronics »Eure Liebe tötet mich« – sind sicher gesetzt. Sie siedelt »Ohne Netz« irgendwo zwischen Beziehungsdrama und Konversationskomödie an, was zu Beginn angesichts der hektischen Rennerei auf der Bühne allerdings ein wenig befremdlich wirkt. Udo Herbsters blendend weiße Bühne, die nur kleine blaue Farbtupfer bekommt und am Anfang und Ende mit Meerimpressionen überzogen wird, lässt den komplett weiß gekleideten Akteuren jede Menge Raum zur Entfaltung, wirkt auf die Dauer aber auch ein bisschen ermüdend. Das Schauspielquartett lieferte eine solide Leistung ab. Kyra Lippler gab die sympathische Karla, Lena Sabine Berg die saufende femme fatale, Roman Kurtz spielte den oberflächlichen Gewinnertypen Peter und Rainer Hustedt den leicht trotteligen Looser Johann. Am Ende gab es für alle Beteiligten vom Publikum, wenn auch keine Begeisterungsstürme, so doch wohlgesinnten und anerkennenden Applaus. Karola Schepp, 28. Februar 2011, Gießener Allgemeine